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Sinti-Roma-Kunst PDF Drucken

Gegen Isolation und Ignoration

Mit Pathos gegen Abgrenzung: in Berlin Kreuzberg, am legendären Moritzplatz, eröffnet die erste Galerie für Sinti und Roma.

Berlin, Juni 2010. „Ich bin gerne Zigeunerin“, sagt Lita Cabellut. Das nimmt man der temperamentvollen Katalanin sofort ab. Die schwarzen Locken wirft sie in den Nacken, das schwarzweiß geblümte Kleid schwingt knapp über dem Boden. Die zierliche Künstlerin genießt ganz offensichtlich den Rummel um ihre Ausstellungseröffnung. Zugleich wehrt sie sich vehement gegen die Klischeebilder vom herumziehenden, musizierenden und stehlenden Zigeuner.

von Irmgard Berner

photo: Lita Cabellut vor einem ihrer Gemälde. (c|Nina Strassgütl)

Das Vorurteil haftet ihrer Volksgruppe, den Sinti und Roma, seit Jahrhunderten als „Fahrendes Volk“ an und führt vielerorts, neuerdings gerade wieder besonders in Ungarn, immer noch zu massiven Diskriminierungen.

Cabellut ist Malerin. Sie ist Spanierin, und sie ist Gitana. Früh verwaist lebte sie zeitweise als Obdachlose auf den Straßen von Barcelona, wo sie 1961 geboren wurde. Aber sie hatte Glück. Mit 13 wurde sie von einer katalanischen Adelsfamilie adoptiert, besuchte in ihrer Jugend den Prado in Madrid, studierte Kunst in Amsterdam. Eine Geschichte mit Happy End, gelungene Integration oder Klischee? Die gefragte Künstlerin liegt mit ihrer Biografie genau auf Linie der ersten Galerie, die sich der zeitgenössischen Kunst der Sinti und Roma verschrieben hat, und die nun mit Cabelluts Großformaten eröffnet.

„Kai Dikhas“ heißt der ungewöhnliche Ausstellungsraum, was so viel wie „Ort des Sehens“ in Romanes, der Sprache der Roma, bedeutet. Warum aber braucht es eine Galerie eigens für diese Minoritäten-Gruppe, betont das nicht nur mehr deren räumliche Isolation?

Raus aus der Ecke

Im Gegenteil. „Die Leute sollten mehr über die Sinti und Roma erfahren“, sagt die Künstlerin, die auch gerade in London ausstellt. Sie spricht damit das aus, was Moritz Pankok, künstlerischer Leiter und Konzeptgeber, zum Programm der Galerie macht. Die Sinti und Roma würden zu Unrecht immer noch in die stereotype Ecke gedrängt, sagt er. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit ihrer bildenden Kunst.

Neben der Musik haben Sinti und Roma bisher kaum Beachtung gefunden. Pankok kennt ihre unterschiedlichen europäische Kulturkreise von Rumänien bis Spanien, von Holland bis Italien, er ist gut vernetzt mit Roma-Intellektuellen. „Die Künstler sprechen für sich“, betont er. Sie sprengen mit ihren Darstellungen die bekannten Klischees und fordern Gehör. So ganz von ungefähr kommt Pankoks Interesse aber nicht: Sein Urgroßvater Otto Pankok, Grafiker, Düsseldorfer Kunstprofessor und Lehrer von Günter Grass, hat sich schon ab den 1920er-Jahren aus Freundschaft zu den Zigeunernkünstlerisch intensiv mit ihnen auseinandergesetzt. Lita Cabellut zeigt nun ihre Sicht in einer Serie von Großformaten, mit der sie den berühmten spanischen Flamenco-Sänger Camarón de la Isla würdigt. Sie bewundere ihn, weil er ihr Kraft gebe, existenzielle Kraft. In altmeisterlicherManier setzt sie Camarón, der mit Paco de Lucia große Erfolge feierte und an seiner Drogensucht zugrunde ging, kontrastreich in Szene. Sie hat die Goyas und Velázquez’ im Prado wahrlich studiert. Ihre knapp drei Meter großen Porträts, theatralisch und pathosgeladen, sind nicht frei von Kitsch. Sie glänzen, aber der Glanz ist brüchig, die Oberfläche löchrig. „Ich versuche ein Poem, ein Gedicht über seine Seele zu machen“, sagt sie. In Serie schält sich das bleiche, ausgemergelte Gesicht des Musikers überdimensional und märtyrerhaft aus dem dunklen Hintergrund. An den gegenüberliegenden Wänden quetschen sich gerahmte Kleinformate zu den ungerahmten großen.

Weniger wäre mehr. Aber das ist wohl dem Überschwang der Künstlerin geschuldet: „Ich versuche Porträts zu machen und Monster der Lyrik zu interpretieren, Monster der Kunst.“ Sie möchte nicht so tun als könne sie es besser, sagt sie, „ich möchte, dass man sich an diese Menschen erinnert“.

Während man in dem gerade rechtzeitig fertiggestellten Galerieraum schon diese Deutschlandpremiere feiert, ist rundherum noch Baustelle. Denn die Galerie Kai Dikhas hat ihren Raum im privat finanzierten Kulturzentrum „Aufbau Haus“ am Moritzplatz in Kreuzberg, das unter der Ägide des neuen Eigentümers Aufbau-Verlag geführt wird. Der Ort ist längst ein Stück Berliner Kunstgeschichte. Hier hatten sich in den Siebzigern die „Moritzboys“, wie die expressiven, rebellischen „Neuen Wilden“ um den Maler Rainer Fetting hießen, ihreAteliers und eine kollektiveProduzentengalerie geschaffen – quer zum kommerziellen Kunstmarkt.

Nun also gibt es hier einen Kunstort, der abermals etwas quer zum Stromlinienförmigen steht. Neben dem Verlag wird es zudem ein eigenes Theater, ein Öko-Café und Künstlerbedarfsläden beherbergen. So wird der Moritzplatz neu belebt: Wieder mit Kunst und gegen Ausgrenzung. Kunst ist ja immer Ausdruck einer individuellen Weltsicht und Kommentar zum Zustand unseres Daseins.

Das Dasein der Sinti und Roma ist in Teilen Europas immer noch menschenunwürdig. Angesichts dieser Tatsachen darf man gespannt sein, mit welchen Impulsen und Künstlern Moritz Pankok sein Galeriekonzept gegen den großen Strom umsetzen wird. Die räumliche Isolation überwinden zu helfen, ist enorm wichtig. Schließlich sind nicht alle Zigeuner so durchsetzungsfähig wie Lita Cabellut.

Homepage: Galerie Kai Dikhas, Prinzenstr. 85 c, (Kreuzb.). Bis 19. Juni, Di–Sa 18–21 Uhr.

 


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